Die Bürokraten

Juli 13, 2010

In heutigen Zeiten, die sich durch einen Neuanfang der Massenmobilisierungen kennzeichnen, haben viele Genossen mit einem alten Bekannten auf `s Neue Erfahrungen machen müssen. Dieser „alte Bekannte“ ist eine besondere Art von „Genosse“, der sich irgendwie bremsend verhält. Er hat eine „Nase“ um zu riechen, wo die fortschrittlichen Elemente in der Massenbewegung entstehen, um sich dann verbittert und verbissen gegen diese neuen Elemente der Bewegung zu wehren. Es sind die Bürokraten.

Jeder von uns kennt solche Bürokraten. Mit einem lächelnden, väterlich erhobenen Zeigefinger, versuchen sie uns in der Entwicklung neuer Ideen zu hindern. Später sollen wir dann mit Statuten, Intrigen und letztendlich nackter Gewalt gebremst oder gestoppt werden.  Vetternwirtschaft und Spießertum sind die bevorzugten Mittel dieser Bürokratie. Wer kennt sie nicht! Sie ist wie eine Art Pest, die, wenn sie einmal da ist, unsere Stimmung und Arbeit zerstört.

„Da sind die Unbedenklichen, die niemals zweifeln,
ihre Verdauung ist glänzend, ihr Urteil ist unfehlbar.
Sie glauben nicht den Fakten, sie glauben nur sich,
im Notfall müssen die Fakten daran glauben.
Ihre Geduld mit sich selber ist unbegrenzt,
auf Argumente hören sie mit dem Ohr des Spitzels.“

(B. Brecht)

Es ist an der Zeit, eine politische, rationale und vor allem konstruktive Methode zu haben, um

  • solche Bürokraten, getarnt als Genossen, zu erkennen,
  • Werkzeuge zu schaffen, die uns erlauben, die Genossen, die noch nicht von der Pest befallen sind, zu „impfen“.

Immer wenn eine soziale Schicht mit definierter, politischer und psychischer Identität entsteht, ist zuerst zu klären, welche die Wirtschaftsfaktoren sind, die die Existenz dieser Schicht erlauben bzw. fördern. Wir wollen die spezifische Entfremdungsform dieser Schicht analysieren.
Wirtschaftsfaktoren als Ursache der Entfremdung
Das Produktionsziel des kapitalistischen Systems ist der Profit, und die Pflege der Ware „Arbeitskraft“ wird genauso gehandhabt wie die Pflege der Maschinen, Gebäude, etc. Der Konsum, den ein Arbeiter betreibt, wird entweder als Gewinn verstanden (weil auf diese Weise ein Produkt -Essen- gekauft wird und der Produktbesitzer so zu seinem Geld kommt) oder als Methode, diese Ware „Arbeitskraft“ so zu pflegen, dass sie weiter benutzt werden kann.

Sowohl der Kapitalist wie der Arbeiter haben keinen Gesamtüberblick über den ganzen Prozess der Produktion. Diese ENTFREMDUNG des Menschen vom Produktionsprozess ist nicht das Produkt der „Differenzierung der Aufgaben“, sondern der Trennung zwischen Arbeitskraftbesitzer und dem Produkt seiner Arbeitskraft.

Die konkrete Arbeit produziert einen Gebrauchswert. Das ist der sichtbare Teil des Produktionsprozesses im Kapitalismus. Weil dieses Produkt auf dem Markt verkauft wird, und der Produzierende keine direkte Verbindung zu diesem Markt hat (das wird besonders anschaulich, wenn es um einen internationalen Markt geht), ist die Verbindung zum Produktionsprozess (sowohl seines Produkts als auch dem der anderen) im besten Falle indirekt.

Aus diesen sozialen Tatsachen entsteht ein absoluter Zwang für den Lohnabhängigen. Er MUSS seine Arbeitskraft verkaufen -weil er sonst nicht überleben kann-, und er MUSS mit dem auf diese Weise angeeigneten Geld Waren kaufen. Die Herstellung dieser fremden Waren ist von ihm genauso wenig kontrollierbar und durchschaubar, wie die Beziehungen zu der Ware, die er selbst produziert.

Die Arbeit ist aus diesem Grund für den Arbeiter NICHT eine Befriedigung, sondern der KONSUM wird als Mittel zur Befriedigung lebensnotwendiger Interessen gesehen. Die Kreativität bei der Arbeit ist nicht befriedigend, die Kreativität wird ersetzt durch die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Konsumobjekten -alle fremd, alle verstanden als Objekte, die nicht Bestandteil der eigenen Identität sind- zu wählen.

Ziel des Lebens wird also der Konsum. Es entsteht sogar eine psychologische Übertragung, in dem Sinne, daß diejenigen Objekte, die bis dahin keine Ware gewesen sind, auch als Ware verstanden werden. Die Kindererziehung z.B. entspricht dieser „psychologischen Übertragung“. Es geht für ein Kind nicht darum, zu essen, weil es Spaß macht, es geht darum, zu essen, weil ein Ziel in der Zukunft gesetzt wird.

„Essen“ erscheint als Investition, um später „kräftig“ zu sein, also die Ware Arbeitskraft vorhanden zu haben. Überhaupt: Die Überlegungen über Zweck und Sinn des Lebens bedeuten, daß das Leben nicht ein Genuss an und für sich ist, sondern einen ZWECK hat. Dieser Zweck ist nicht der unmittelbare Genuss oder einen mittelfristiger Genuss, sondern wird Ideologie.

Das Bewusstsein des arbeitenden Menschen wird auf diese Weise entfremdet. Diejenigen Momente, die ein minimales Bewusstsein der Situation erlauben, und wo man entsprechend dieser Situation reagieren kann – also mit einem Gefühl der Kontrolle dieser Situation-, sind die Momente des KAUFENS. Freiheit wird also als Konsumvielfalt verstanden.

Im Gegensatz zum Arbeiter hat der Kapitalist eine gewisse Freiheit: die Freiheit, seine Arbeiter zu beherrschen. Er kann die Vertragsdauer bestimmen, den Preis des Warenprodukts, und die Arbeitszeit, also die Menge der Ware Arbeitskraft, die er kaufen will. Aber hier endet seine „Freiheit“. Er kann die Marktgesetze nicht ändern, er kann die Konkurrenz nicht beherrschen, er weiß nicht, ob er seine Waren verkaufen wird.

Das System zwingt ihn, weiter zu investieren – die Mehrzahl des Profites-, und lässt ihm genug Geld, um seine Bedürfnisse mittels Kaufs von Waren zu befriedigen. Er hat das Gefühl von „Freiheit“, das heißt für ihn die Kontrolle seiner Umgebung

  • wenn er kauft, sei es eine Ware zum eigenen Konsum, zur Investition oder insbesondere Arbeitskraft als Ware,
  • oder wenn er seine Arbeiter und seinen Betrieb beherrscht.

Macht und Konsum sind für ihn also Freiheit.

Die zentrale Frage, die echte Sozialisten beschäftigt, ist, ob die vorhandene Trennung zwischen Arbeit und Lebensfreude, zwischen Arbeitskraft und Produkt der Arbeit, zwischen Werktätigkeit und Konsum, aufgehoben werden kann und wenn, dann wie.

In der kapitalistischen Gesellschaft sind wir in eine entfremdete Sachlage eingebettet, und es ist eine Illusion zu glauben, daß es eine Lösung innerhalb des Systems geben kann.

Dieses kapitalistische System hat aber einst seine eigene Existenz erkämpft unter anderem gegen den Feudalismus, und aus der Geschichte dieses Kampfes können wir für die Ersetzung des kapitalistischen Systems durch ein anderes nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Das kapitalistische Weltsystem hat seinen Ursprung in dem Kampf der Bourgeoisie gegen Adel und Feudalismus.

Dieser Kampf und die Existenz der kapitalistischen Produktionsweise wurde innerhalb der Feudalstrukturen möglich. Die Bourgeoisie konnte der Agrarstruktur und dem Feudalsystem die Städte als Gegenpol entgegensetzen.

Wir wollen hier eine alte Aussage erneut analysieren, die lautet, daß im Gegensatz zum Feudalismus der Kapitalismus eben aufgrund seiner Ziele und seines Wesens keine andere Produktionsweise und entsprechend keine andere Ideologie als die kapitalistische erlauben kann.

Das heißt, der Kampf gegen den Kapitalismus wäre innerhalb des Rahmens des kapitalistischen Systems unmöglich, der „reformistische Weg“ oder die Schaffung „sozialistischer Inseln“ wäre ausgeschlossen.

Stalinismus: Planwirtschaftsabart innerhalb des Kapitalismus?

Uns geht es hier nicht darum, die Auseinandersetzungen zwischen Trotzki und Stalin zu wiederholen, sondern um eine Analyse der real stattgefundenen Versuche, in verschiedenen Regionen der Welt bürokratisch kontrollierte planwirtschaftliche Modelle durchzuführen.

Eine oberflächliche Interpretation des Marxismus würde folgende These erstellen: Weil die zentral-bürokratische Planwirtschaft innerhalb des kapitalistischen Systems eine Tatsache ist oder zumindest war (Länder des „real existierenden Stalinismus“), sei die These, der Kapitalismus ließe nicht zu, dass eine andere Produktionsweise gleichzeitig neben ihm existieren könne, falsch.

In Wirklichkeit hat der „Realexistierende Stalinismus“ ein halbes Jahrhundert lang versucht, seine Theorien in die Praxis umzusetzen, und hat heute „zur völligen Liquidierung der sozialen Errungenschaften der proletarischen Revolution“ geführt (Trotzki [Verratene Revolution]).

Für das Verstehen der Bürokraten und deren Mentalität müssen wir uns daher mit der Analyse solcher Wirklichkeit befassen.

Für unterentwickelte Länder wie das damalige Russland, China und auch für den Fall Kuba gilt, dass eine Massenbewegung, die in einer gewaltsamen Revolution ihren Höhepunkt fand, im Laufe der Entwicklung die despotisch-asiatischen Staatsstrukturen nicht verhindern konnte.

Und trotzdem wurde der Lebensstandard besser. Der Stalinismus hat in diesen Ländern Maßnahmen zur bürokratischen Planung der Produktion eingeleitet und gleichzeitig die Staatsstrukturen unter seine Kontrolle gebracht.

Bürokratische Verwaltung im Realexistierenden Stalinismus gegen Privateigentum.

Es ist an dieser Stelle wichtig, einen kleinen Exkurs zu machen, der den Unterschied zwischen Verwaltung und Privateigentum klärt. Es geht hier nicht um das „Gefühl“, das die Bürokratie haben kann – etwa sie sei die Besitzerin der Produktionsmittel-, sondern um die genaue Klärung, ob sie tatsächlich die Produktionsmittel innerhalb der Länder des Realexistierenden Stalinismus besitzt, unabhängig sogar von ihrem Bewusstsein davon.

Zum ersten wollen wir klären, ob die Bürokratie eine Beziehung zu den Produktionsmitteln hat, die vergleichbar wäre mit der Beziehung der Kapitalistenklasse zu den Produktionsmitteln im Kapitalismus.

Das ist nicht der Fall!

Der entscheidende Unterschied ist nämlich, dass die Bürokratie den Besitz von Produktionsmitteln nur mittels der Existenz einer nicht- besitzenden Klasse (der Arbeiterklasse) definieren kann.

Im Gegensatz zur Kapitalistenklasse kann ein einzelner Bürokrat nicht entscheiden, ob z.B. ein Kombinat ihm gehört, weil es keinem anderen Bürokraten gehört. Der kollektive Charakter dieser Beziehung (zwischen Bürokrat und Produktionsmitteln) im Stalinismus ist ein grundlegender Unterschied zum Kapitalismus.

Es ist also nicht richtig, die Bürokratie mit der Kapitalistenklasse zu identifizieren.

Zum zweiten ist es notwendig, zu klären, ob die bürokratische Planwirtschaft eine -eventuell- neue Produktionsweise innerhalb des kapitalistischen Welt „allmählich“ entwickeln könnte, so etwa wie der Kapitalismus dazu innerhalb des Rahmens der feudaler Produktionsweise fähig war.

Wir wollen betonen, dass diese Frage die fundamentale Frage ist, die in etwas verzerrter und naiver Form von einigen Gruppierungen gestellt wird, wenn sie sich fragen, ob die Bürokratie eine neue soziale Klasse sei. Dabei ist es gleichgültig, ob eine Analyse der Produktionsbeziehungen im Stalinismus die Existenz einer neuen Produktionsweise bestätigt oder nicht.

Wir wollen mit einen Zitat von Marx (Das Kapital, Band 1, Kapitel 1, Absatz 4: „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“) klären, was unter „kapitalistischer Produktionsweise“ zu verstehen ist.

<Zitat Marx  >:

„Wenn ich sage, Rock, Stiefel, usw. beziehen sich auf Leinwand als die allgemeine Verkörperung abstrakter menschlicher Arbeit, so springt die Verrücktheit dieses Ausdrucks ins Auge. Aber wenn die Produzenten von Rock, Stiefel, usw. diese Waren auf Leinwand – oder auf Gold und Silber, was nichts an der Sache ändert- als allgemeines Äquivalent beziehen, erscheint ihnen die Beziehung ihrer Privatarbeiten zu der gesellschaftlichen Gesamtarbeit genau in dieser verrückten Form.

Derartige Formen bilden eben die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie. Es sind gesellschaftlich gültige, also objektive Gedankenformen für die Produktionsverhältnisse dieser historisch bestimmten gesellschaftlichen Produktionsweise, der Warenproduktion. …“

<Zitat Ende>

Beim Realexistierenden Stalinismus fangen genau da, beim allgemeinen Äquivalent, die Schwierigkeiten an, und sorgen für Verwirrung einiger Vulgärmarxisten. Das Geld ist innerhalb der Staatsgrenzen nicht mehr Ausdruck einer Ware Gold oder einer anderen Ware, die als allgemeines Äquivalent fungiert, das Geld ist ein Zählsystem, das Geld macht sich vom Gold innerhalb der Staatsgrenzen unabhängig, und innerhalb dieser Staatsgrenzen beeinflusst die Ware Gold den Preis anderer Waren nicht mehr.

Es geht hier nicht um eine Haarspalterei! Das Geld bleibt zwar innerhalb der Staatsgrenzen das allgemeine Äquivalent, ist aber hier keine Ware mehr. Innerhalb der Grenzen der stalinistischen Staaten wird die Arbeitskraft ausgebeutet, und mittels Papiergeld wird den Arbeitern eine bestimmte Menge Gebrauchswerte angeboten, eine Menge, die die Bürokratie festlegt und nicht die Arbeiter.

Was es dann innerhalb diese Staatsgrenzen auf keinen Fall gibt, ist Kapital, das innerhalb der Staatsgrenzen zur Kapitalakkumulation dienen könnte. Die Bürokratie verwaltet die Produktionsmittel, und genauso wie sie die Produktionsmittel verwaltet, verwaltet sie auch die vorhandene Arbeitskraft.

Auch dann wenn der stalinistische Staat innerhalb der Staatsgrenzen „Reichtum“ akkumuliert (die berühmten Bananenberge…), bedeutet das nicht, dass Waren zum Zweck des Geldgewinns akkumuliert werden. „Reichtum mit Warenvorrat zu verwechseln, ist eine Verwechslung der Form des Vorrats mit dem Vorrat selbst … ein kindisches Missverständnis“, wie Marx sagen würde (Kapital, Band 2, Kapitel 6: Die Zirkulationskosten). D.h, innerhalb der Staatsgrenzen gibt es kein Kapital und keine Warenakkumulation.
Und doch keine neue Klasse!
Der stalinistische Staat akkumuliert aber auch Kapital, aufgrund des Handels mit der kapitalistischen Außenwelt. Aber mit diesem Kapital kann er nur in der kapitalistischen Welt etwas anfangen. Innerhalb der kontrollierten Gebiete ist Geld nur ein Zählsystem, außerhalb dieser Gebiete wird dieses Geld – z.B. die DDR-Mark- als Ware behandelt, und als solche wird der Preis dieses Geldes von Angebot und Nachfrage bestimmt.

Wenn man die stalinistischen Staaten als geschlossenes System analysiert, d.h. die kapitalistische Außenwelt ignoriert, ähnelt die Situation mehr der asiatischen Produktionsweise als dem Kapitalismus (aufgrund der Verwaltungsfunktion der Produktionsmittel die die Bürokratie ausübt, damals bei der asiatischen Despotismus die Erde, heute die Fabriken).

Die heutige Entwicklung und Krise der bürokratisch dirigierten Planwirtschaft ähnelt auch verblüffend der Krise der Mandschuregierung Anfang des 20. Jahrhunderts.

Eine Identifizierung der stalinistischen Planung und der asiatischen Produktionsweise ist aber auch nicht möglich.

  • Zum ersten ist die Produktion bei der asiatischen Produktionsweise hauptsächlich eine agrarische  – mit allen Implikationen, was das in Bezug auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Klassen bedeutet-,
  • zum zweiten ist eben diese Agrarwirtschaft ein entscheidender Faktor, der bewirkte, daß es innerhalb der asiatischen Produktionsweise keine Planwirtschaft gab und jeder Bauer seinem eigenen Schicksal überlassen wurde,
  • zum dritten hat die asiatische Produktionsweise eine völlig andere historische Herkunft als der Stalinismus, und das nicht nur, weil der Stalinismus seinen Ursprung in der Degeneration einer Revolution hat, sondern auch, weil sich der alte asiatische Despotismus NUR AM ENDE seiner Existenz mit dem Kapitalismus konfrontierte,
  • und zum vierten war die Revolution, aus deren Degeneration der Stalinismus entstand, eine echte proletarische Revolution, die dementsprechend echten Revolutionären eine Zukunftsperspektive angeboten hätte, wenn diese Revolutionäre die ursprünglichen Ziele wiederhergestellt hätten.

Unsere vorläufige Schlussfolgerung ist also: Die stalinistische Degeneration der Oktoberrevolution hat keine neue Produktionsweise in die Welt gebracht, sie ist ein „Phänomen“ -also eine lokale ProduktionsFORM innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise.

Wir wollen die ProduktionsFORM innerhalb der stalinistischen Staaten als „bürokratisch dirigierte Planwirtschaftform innerhalb des Kapitalismus“ benennen. Wir betonen, daß es für uns eine ProduktionsFORM innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ist.
Die klassenspezifische Entfremdung des Bewusstsein
Die Entfremdung der Arbeiter ist in diesen Staaten dieselbe geblieben wie beim Kapitalismus, die Entfremdung der bürokratischen Schicht, die die asiatisch-despotischen Staatsstrukturen bildet, ist aber eine andere als die der Kapitalisten.

Beide Erscheinungen, zum einen der Ausverkauf von nationaler Industrie und nationalem Reichtum und zum anderen die Dogmatisierung der Ideologie der bürokratischen Herrschaftsschicht, finden wir charakteristisch für asiatisch-despotische Staatsstrukturen, und darunter verstehen wir auch die Staatsstrukturen beim Stalinismus (wohl gemerkt: die Staatsstrukturen und NICHT die Produktionsweise!).

  • Zum ersten, die Abhängigkeit gegenüber der kapitalistischen Außenwelt, die in dem Ausverkauf des nationalen Reichtums mündet,
  • und zum anderen die Pflege einer Ideologie (damals der Konfuzianismus, im Falle des Stalinismus die stalinistische Dogmatisierung des Marxismus)

charakterisieren unserer Meinung nach die spezifische Art von Entfremdung der Bürokratie in solchen asiatisch-despotischen Staatsstrukturen. Im Falle des Stalinismus aber mit einer dritten, in der asiatischen Produktionsweise nicht vorhandenen Eigenschaft, nämlich der Einzwängung in eine von kapitalistischen Marktgesetzen beherrschte Welt.

Wir wollen es kurz zusammenfassen: Die spezifische Art von Entfremdung der stalinistischen Bürokratie kann man folgendermaßen charakterisieren:

–         Zum einen zwingt die Einzwängung in die internationalen kapitalistischen Marktgesetze dazu, dass sich die Bürokratie nach außen mit der Kapitalistenklasse anderen Länder identifiziert.

Sie versucht, Profit zu erreichen und durch Ansammlung von Geld Macht zu erlangen. Die Ansammlung von Geld innerhalb der kapitalistischen Welt zwingt sie, dieses Geld als Kapital zu verstehen, was die Außenhandelsbeziehungen angeht.

Eine Identifizierung mit dem Proletariat findet deswegen nicht statt, weil die Bürokratie sich also als Besitzerin von Kapital versteht. Die Arbeit und die Lust auf Arbeit -d.h. die Realisiserung als Mensch durch die Arbeit- sind für die Bürokratie bestenfalls propagandistische Lügen, die sie selbst nicht glaubt.

–         Zum zweiten und aufgrund ihrer geschichtlichen Herkunft und der dazugehörigen sozialen Basis kann die Bürokratie sich mit der internationalen Kapitalistenklasse NICHT völlig identifizieren, weil eine völlige Identifizierung ihre Existenzgrundlage innerhalb der eigenen Staatsgrenzen in Frage stellen würde (deswegen bleibt die PDS außerhalb des Spektrums der bürgerlichen Parteien und nimmt ihre Rolle als „Opposition“ ein).

–         Und zum dritten dogmatisiert die Bürokratie eine Lehre (in diesem Falle: den Marxismus) zu einer Quasi-Religion. Die Notwendigkeit einer Quasi-Religion für bürokratische Staatsstrukturen ergibt sich aus den Beziehungen zwischen der Bürokratie und den Produktionsmitteln und wird unten analysiert.

Es ist aber hier wichtig für die Analyse der möglichen Zukunftsperspektiven des Stalinismus, zu betonen, dass er dieser Dogmatisierung einer Lehre nicht entweichen kann, wenn er auf sein historisches Erbe nicht völlig verzichtet. Und das ist keine leere Phrase! Der Stalinismus bleibt Stalinismus, auch wenn er die Volksfrontpolitik vertritt (wie im Falle der heutigen PDS), und er kann sich von dieser Rolle solange nicht freimachen, bis er seiner Struktur, seiner Programmatik und seiner geschichtlichen Vergangenheit abschwört, d.h. bis er aufhört, seine Identität aufrecht zu erhalten. Solcher Verzicht auf die eigene vergangene Identität ist aber unmöglich, ohne sich die Geschichte der Opposition gegen den Stalinismus anzueignen, d.h. ohne die vorhandenen stalinistischen Strukturen bis zum Fundament zu zerstören und durch ganz neue zu ersetzen.

Hiermit sind wir an drei verschiedenen Arten von Entfremdung des Bewusstseins angekommen.

–         Zum einen die Entfremdung des Bewusstseins beim Arbeiter,

–         zum zweiten die beim Kapitalisten,

–         und zum dritten die bei der stalinistischen Bürokratie.

Auf der Grundlage der Analyse dieser Formen der Entfremdung des Bewusstseins könnte es möglich sein, einen erfolgreichen Kampf (insbesondere gegen die bürokratische Art der Entfremdung) gegen sie zu führen. Dieser Kampf soll also mindestens vier grundlegende Prinzipien beinhalten:

–         Zum einen eine Zukunftsperspektive gegen die Entfremdung, die Freiheit mit Konsumvielfalt verwechselt. Dazu gehört die „Wiedervereinigung“ der Arbeiterklasse mit dem Produkt ihrer Arbeit, also die notwendige vorherige Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die wiederum die „Expropriation der Expropriateure“ (Enteignung der Enteigner) beinhaltet.

–         Zum zweiten eine Zukunftsperspektive gegen die Entfremdung, die Freiheit mit Besitz von Kapital – also der Fähigkeit zum Kauf der Ware Arbeitskraft und dem Besitz von Produktionsmitteln- verwechselt. Dazu gehört die Schaffung planwirtschaftlicher Modelle und Strukturen, die diese Vergesellschaftung der Produktionsmittel kontrollieren.

–         Zum dritten eine Zukunftsperspektive gegen die Entfremdung, die Freiheit mit Ausbeutung und Beherrschung anderer Menschen verwechselt. Dazu gehört die Schaffung von räte-demokratischen Strukturen, die die Planung der Wirtschaft und die Gestaltung der gesamten Gesellschaft organisieren.

–         Und zum vierten eine politische Linie, die von Anfang an und als Prinzip ihrer Strategie (nicht ihrer Taktik!) die Unversöhnlichkeit mit dem Weltkapitalismus versteht. Dazu gehört die Errichtung einer internationalen Kampforganisation des Proletariats und die entsprechende Aneignung der Erfahrungen der verschiedenen Versuche in der Geschichte des Proletariats, eine solche internationale Organisation zu errichten. Dazu gehört auch die Unvereinbarkeit solcher politischer Strategie und Strukturen mit dem Stalinismus in all seinen Erscheinungsformen.

Die Schlussfolgerungen sind allgemein und eigentlich nichts Neues. Wir haben aber die bittere Erfahrung von kleinen Gruppen, die entweder solche prinzipiellen Stellungnahmen nicht kennen oder solche „Schlussfolgerungen“ wie ewige Wahrheiten behandeln, und damit in beiden Fällen ein noch tieferes Prinzip verletzen: das Prinzip, dass hinter jeder ökonomischen Formation, hinter jeder dazugehörenden Ideologie, hinter jedem revolutionären Kampf der Mensch und ganz bestimmte Produktionsverhältnisse, in die der Mensch eingebettet ist, stehen. Wir nennen dieses Prinzip materialistischer Humanismus, und die Wiederentdeckung dieses materialistischen Humanismus ist unserer Meinung nach ausgerechnet in diesen Tagen auf der Tagesordnung.
Die Sozialisation des Bürokraten aufgrund seiner Rolle in der Produktion in den Klassengesellschaften und der „Dogmaktivismus“
Psychologen benutzen den Begriff „Sozialisation“ als Bezeichnung für den Prozess, in dem Kindern beigebracht wird, so zu denken und sich so zu verhalten, wie es die Gesellschaft  oder die Eltern im Namen der Gesellschaft verlangt. Eine Person wird als gut sozialisiert bezeichnet, wenn sie an die moralischen Maßstäbe ihrer Gesellschaft glaubt, ihnen folgt und gut als funktionierender Teil in diese Gesellschaft eingepasst ist.

Die Widersprüche sowohl unserer Gesellschaft wie die der der asiatischen Vergangenheit und überhaupt die Wiedersprüche aller Klassengesellschaften sind aber so enorm, dass niemand in vollkommen „moralischer“ Weise denken, fühlen und handeln kann. Es wird z.B. verlangt, dass wir niemanden hassen, doch von Zeit zu Zeit hasst nahezu jeder jemanden; ob er es vor sich selbst zugibt oder nicht.

In beiden Gesellschaftsarten passsiert, dass einige Menschen in solchem Maße „sozialisiert“ werden, dass der Versuch, moralisch zu denken, zu fühlen und zu handeln ihnen eine schwere Last auferlegt. Nicht nur die Sozialisierung wird unter Schmerzen anerzogen- schon über die Ursache der Übersozialisierung nachzudenken verursacht  diesen Menschen schon Schmerzen.

Um Schuldgefühle zu vermeiden, müssen sie sich also ständig über ihre eigenen Motive betrügen und moralische Erklärungen für Gefühle und Handlungen finden, die in Wirklichkeit einen nicht-moralischen Ursprung haben. Ich benutze den Begriff „übersozialisiert“, um solche Menschen zu bezeichnen.

Eines der wichtigsten Mittel, mit dem repressive Gesellschaften Kinder übersozialisieren, besteht darin, dafür zu sorgen, dass sie sich für Verhaltensweisen oder Äußerungen schämen, die nicht den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen. Wenn dies übertrieben wird, oder wenn ein bestimmtes Kind besonders empfänglich für solche Gefühle ist, dann wird es sich letztendlich für sich selbst schämen.

Die übersozialisierte Person kann noch nicht einmal, ohne sich schuldig zu fühlen Gedanken oder Gefühle haben, die den akzeptierten Moralvorstellungen zuwiderlaufen; sie kann keine „schmutzigen“ Gedanken haben, geschweige denn sich bewusst „schmutzig“ benehmen.

Der „Linke Typus“ eines solchen übersozialisierten Menschen (diesmal in der kapitalistischen Gesellschaft) versucht, von seiner psychologischen Leine loszukommen, indem er rebelliert. Doch für gewöhnlich ist er nicht stark genug, um gegen die wirklich grundlegenden Werte der Gesellschaft zu rebellieren. Allgemein gesprochen stehen die Ziele der heutigen Linken nicht in Konflikt mit der geltenden Moral. Im Gegenteil: Der Linke nimmt ein geltendes moralisches Prinzip, nimmt es als Eigenes an, und klagt dann den Rest der Gesellschaft an, dass sie dieses Prinzip verletzt. Beispiele wären die Gleichberechtigung der Rassen und Geschlechter, Hilfe für Arme, Friede statt Krieg, Gewaltlosigkeit allgemein, Meinungsfreiheit, freundlicher Umgang mit Tieren.

Typisch für solche „Übersozialisierten“ ist, einen rebellierenden Ansatz in ein Dogma zu verwandeln. Da er nur gering und nur am Anfang rebelliert, nimmt diese Art von Mensch, nach der ursprünglichen Rebellion, die rückschrittlichste und starrste Position innerhalb der Bewegung der Rebellion an. Er fängt an, nach der Initialzündung der Rebellion, an Statuten, Ideologien, und Dogmen zu glauben. Gleichzeitig wird in der Verteidigung dieser neugewonnenen Bastion der Rückschritt hyperaktiv. Mit anderen Worten, der ursprünglicher „Linke“ wird zum aktiven Bürokraten oder „Dogma-Aktivisten“.

Solch übersozialisierte Menschen sind ideale Lückenfüller für die Verwaltungsposten in nicht mehr wachsenden oder etablierten Protestbewegungen. Ihre Ideologie wird die Ideologie des Bürokraten, der keinen neuen Gedanken durchlassen will, weil er sich gegen die „geänderte Lehre“ wendet und seine unstabile Psyche dadurch nochmals verunsichert wird.

Eine solche Bürokratenart kann man also folgendermaßen erkennen:

-eine Erste Phase ist der Hyperaktivismus. 5 Sitzungen am Tag, genüssliche Dinge, wie ausruhen, Zeit haben, jemanden lieben, etc,  werden als Last oder als unmoralisch verstanden.

-eine zweite Phase der Machtgier. In dieser Phase identifiziert man diesen Bürokraten, indem man seine Anstrengungen, Machtpositionen zu erlangen, beobachtet. Ideen, die er früher  selbst gehabt hätte, werden abgelehnt, um die neugewonnene Position nicht zu gefährden.

-die dritte Phase ist die des etablierten Bürokraten. Er hat gelernt, sich gegen „Störenfriede“ zu verteidigen.

Deswegen ist mein Vorschlag zur Diagnostik

a-      Testen, inwieweit ein Mensch noch über Selbstironie verfügt. Hat er sie nicht (ärgert er/sie sich sehr schnell, wenn man ihn nicht in seinen Behauptungen ernst nimmt), dann ist schon die erste Phase da.

b-     Testen, inwieweit der zu beobachtende Mensch mit „Macht“ -Argumentationen umgeht, im Gegensatz zu analytischen Argumentationen. Ist er fixiert auf solche Machtkämpfe, dann ist er schon in der zweiten Phase.

c-      Testen, inwieweit er die eigenen Positionen noch vertritt, inwieweit er selbst noch in der „Hitze des Gefechts“, also in der Konfrontation von Positionen interessiert ist und sich selbst beteiligt. Mach er das nicht, und hat dazu einen Posten, dann ist er in die Falle des Bürokratismus gefallen.

Eine Behandlung gegen die Dogma-Aktivistische Pest sollte bald erarbeitet werden. Aber die Erkennung der Krankheit ist ein erster Anfang, um gegen die Bürokratenpest einen revolutionären Weg zu finden.

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Taeopodong

April 23, 2009

Eine Reflexion über die nordkoreanische Taeopodong – 2 – Rakete, die einen Satteliten ins All trug.
Nordkorea („Demokratische Volksrepublik Korea“) ist der isolierteste Staat der Welt, was auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass seit dem Ende des von den USA begonnenen Koreakrieges 1950-53 dieses Land sich weitgehend allen direkten und indirekten Einflüssen des US-Imperialismus („skandalöserweise“) fast völlig entzog.
Das nordkoreanische Regime mit seiner Leitfigur Kim Jong Il entspricht durchaus historischen Traditionen von Ländern mit sogenannten „asiatischer Produktionsweise“ und ist insofern auch eine „asiatische Despotie“ mit im wesentlichen modernisierter konfuzianischer Grundlage.
Der US-Imperialismus, dessen Verbrechen an der Menschlichkeit nicht mehr zählbar sind, bemüht sich seit Jahren, Nordkorea zum wesentlichen Bestandtteil der „Achse des Bösen“ zu machen (imperialistische Propagandavision, die künftige Invasionen und Massaker publizistisch plausibel machen soll).
Neueste Variante: Nordkorea hat es „gewagt“, einen Satteliten ins Weltall zu schiessen. Wo kämen wir hin, wenn alle das machen würden, und nicht nur der Weltmafioso USA?
Also: wir sind keine Befürworter des nordkoreanischen Regierungs- und Staatssystems, aber wir verteidigen die DVRK unbedingt und konsequent gegen imperialistische Bedrohung und Drangsalierung.
Nieder mit dem US-Imperialismus!
Glückwunsch an die DVRK für den erfolgreichen Start seines Experimentalsatteliten.
Zur Hölle mit der US-Armee, der CIA, der NASA und allen zugehörigen Lakaienorganisationen!