Kommentar zu einem Artikel in der Linken Zeitung

Norbert Nelte hat einen Artikel unter der Überschrift “ Jetzt ist es amtlich: Das Systemende kommt unausweichlich!“ in der Linken Zeitung geschrieben.

Konrad Argast schrieb dazu einen solidarischen, aber kritischen Kommentar:

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Systemende nah?
Ich möchte an dem Artikel, der durchaus beeindruckende Fakten zusammengestellt hat, nicht unnötig herumkritteln. Auch stimme ich zu, daß es gilt, rätesozialistische Alternativen zur „verrotteten Marktwirtschaft“ aufzuweisen – der Diskurs gerade darüber gehört aus meiner Sicht zu den wichtigsten unserer Zeit überhaupt.

Ich möchte aber meine Skepsis gegenüber folgenden Thesen zum Ausdruck bringen:

Quote:


Nun sind doch alle Hoffnungen, das derzeitige kapitalistische System retten zu wollen, endgültig dahin.


Quote:


Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, von Monaten, bis wir eine Doppelherrschaft seitens einerseits der Bourgeoisie und andererseits der Arbeiterklasse erleben werden.


Es ist aus meiner Sicht nicht verkehrt, Optimismus zu wecken und zu verbreiten, und ich glaube ich kann die Motive von Norbert Nelte gut verstehen.

Gefährlich wird es nur dann, wenn pure Illusionen verbreitet werden, nicht deswegen, weil „Massen“ deswegen „irregeleitet“ werden könnten, sondern weil man sich damit unglaubwürdig macht.

Schon mehrere Male in der Geschichte des Kapitalismus wurde dessen bevorstehender Zusammenbruch angekündigt. Und tatsächlich: der Kapitalismus ist ja auch schon ein paar Mal „zusammengebrochen“, ökonomisch oder politisch. Es ist geradezu ein Grundcharakteristikum des Kapitalismus, immer wieder „zusammenzubrechen“ und erneuert daraus zu entstehen. Norbert Nelte sollte es eigentlich besser wissen, er hat einige gute Texte zum „tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate“ geschrieben. Eine Methode, diesem mathematischen Gesetz zu entkommen, stellen z.B. kapitalistisch-imperialistische Kriege dar, die regelmäßig das konstante Kapital (der Konkurrenz) vernichtet und damit wieder einen neuen Zyklus eröffnet (siehe Weltkriege).

Es gibt keinen „automatischen Zusammenbruch“ des Kapitalismus, welcher direktemang zu einer Rätedemokratie führen würde. Der Kapitalismus kann noch einige dutzend Male zusammenbrechen und wird jedesmal verjüngt und erneuert daraus wieder entstehen, wenn es nur nach den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten geht. So bitter diese Erkenntnis ist, so notwendig ist sie auch, um zu begreifen, daß die Ablösung des Kapitalismus durch einen Rätesozialismus zentral eine Frage des subjektiven Faktorsist. Trotzkistische Gruppen verkürzen diese Frage – nach meiner Einschätzung – gewöhnlich auf die Notwendigkeit des Aufbaus einer „sozialistischen/revolutionären/etc. Arbeiterpartei“, was nicht falsch ist, aber eine Verkürzung darstellt, etwa in der Art: „So ihr ArbeiterInnen, jetzt müßt ihr nur noch unserem Verein beitreten“.

Die proletarische Klasse, die Marx als „Besitzer bloßer Arbeitskraft“ charakterisiert, stellt heute de facto 70-80 % der Bevölkerung dar. Das Problem aber ist, daß diese „Menschenmasse“ weder als prolatrische Klasse angesehen wird, geschweige denn sich selbst so ansieht. Das ist auch Bestandteil des „subjektiven Faktors“. Und die Tatsache, daß diese Klasse sich nur dann in Bewegung setzen wird, um das vorhandene „verrottete Marktwirtschaftssystem“ abzulösen, wenn sie eine Vorstellung davon hat, durch was für ein System dies abzulösen ist.

Eine Arbeiterräterepublik ist sicherlich die Umschreibung eines Zieles, aber für die übergroße Mehrheit der proletarischen Klasse ist dieser Begriff vage (was sicherlich dem untergegangenen Stalinismus zum einen und zum anderen der erdrückenden medialen Suggestion „There is no alternative“ geschuldet ist).

Ich meine also: da ist noch sehr sehr viel zu tun.
Und ich meine auch: da werden sehr viele kluge Köpfe der proletarischen Klasse dran arbeiten müssen.

Ein wenig überspitzt würde ich sagen: die Angehörigen der proletarischen Klasse sollten den Marxismus / Trotzkismus nicht den Trotzkisten überlassen, sondern sich ihn selbst aneignen.

Mit bloßem Triumphalismus ist da aus meiner Sicht nichts gewonnen, und ich spreche da aus eigener Erfahrung. Vor mehr als 20 Jahren war ich Sympathisant, teilweise auch Mitglied einer Strömung, die in ähnlicher Weise Triumphalismus predigte und vom unmittelbat bevorstehenden Untergang des Kapitalismus angesichts von stattgefundenen „Februarrevolutionen“ (analog zur Februarrevolution in Russland 1917) ausging. Das Aufwachen war herb und bitter und führte zu einer gigantischen Zersplitterung (es handelte sich um die lateinamerikanischen Morenisten).

Ich sehe offen gestanden keine „Doppelherrschaft“ in wenigen Monaten herannahen, und ich muß warnen, in der Intention „der Wunsch ist Vater des Gedankens“ eine solche „herbeireden“ zu wollen . Wenn das so funktionierte, wäre ja alles ganz einfach.
Ist es aber nicht.

Beispielsweise stehen die wirklichen Linken in diesem Land noch vor der Aufgabe, zu konkretisieren, was sie mit Arbeiterräterepublik meinen und wie das unter heutigen Verhältnissen aussehen würde. Beispiel: In allen börsennotierten Großbetrieben der Rechtsform AG sollen die Unternehmensleitungen von den Beschäftigten gewählt werden, nicht von den Aktionären.

Mir ist klar, das das noch eine sehr unreine und unscharfe Forderung ist, aber nach meiner Erfahrung wird sie als konkreter wahrgenommen von gewöhnlichen Angehörigen der Proletarischen Klasse (zu der 70-80% der Bevölkerung zählen) als der bloße Bezug auf eine glorreiche aber eben leider vergangene Vergangenheit von 1917 oder 1918.

Jedenfalls möchte ich vor Triumphalismus warnen, eine Arbeiterräterepublik geht nicht aus einer der zahlreichen Krisen des Kapitalismus hervor, sondern setzt eine große Klarheit in den Kernschichten der prolatrischen Klasse voraus.

Davon sind wir leider noch weit entfernt, und es gibt also noch viel zu tun.

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